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Kommunizieren in sozialen Medien: weniger streiten, mehr verstehen

Anleitung

Warum ist unsere Kommunikation in den sozialen Medien gefühlt immer sehr giftig und was können wir tun, um das zu verbessern?

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Inhalt

Die sozialen Medien können wundervoll sein – Orte voller Liebe und Zuneigung. Frauen wird Schutz versprochen: „Ich kenne da jemanden, der Nacht auf deine großen 🍐🍐 aufpasst“, und Männern wird Arbeit angeboten: „Dich hätte man früher ins 💨Lager gesteckt“.

Wenn wir das große Ganze anschauen, sind solche Kommentare die Minderheit. Trotzdem fühlt sich die Kommunikation auf Social-Media-Kanälen häufig eher angespannt und ein bisschen cringy an.

Wir sind hauptsächlich auf LinkedIn unterwegs und auch da sind die Kommentarspalten oft gefüllt mit Anschuldigungen, aggressiver Sprache oder Machtkämpfen.

Aber … warum ist das so?

Das wollten wir herausfinden! Wir glauben nämlich, dass unsere Onlinekommunikation auch anders aussehen kann und es Mittel und Wege gibt, auch digital eine Diskussions-Kultur zu entwickeln, die unsere Sicht auf die Dinge positiv beeinflussen kann, anstatt uns zu wünschen, dass es nie eine Kommentarfunktion gegeben hätte

In dieser Anleitung haben wir die Konzepte und Ideen zusammengeschrieben, die wir aus unserer Recherche gelernt (und ausprobiert haben!), um unser digitales Miteinander ein bisschen besser zu machen.

Warum geht unsere Kommunikation in den sozialen Medien oft schief?

Bevor wir gleich loslegen, schauen wir uns kurz an, was unsere digitale Kommunikation eigentlich so schwer macht, damit die vorgeschlagenen Lösungen auch begründet sind.

Wir antworten schneller und unreflektierter

Die digitale Kommunikation ist eigentlich auch ein guter Übungsraum, um seine Kommunikation zu verbessern, da man sich 24/7 an Diskussionen beteiligen und sogar über seine Antworten nachdenken kann, was in einer persönlichen Meinungsverschiedenheit schwieriger ist.

Allerdings läuft das Ganze in der echten Welt ein wenig anders. Unsere digitale Kommunikation ist geprägt von spontanen, schnellen und unreflektierten Antworten, die oft eher aus momentanen Gefühlsregungen praktisch herausplatzen.

Irgendwie haben wir das Gefühl, dass wir digital schneller sein müssen. Das kommt vielleicht von…

  • … der ganzen Schnelllebigkeit des Internets?
  • … immer mehr mangelnder Geduld?
  • … oder dass wir in unserer Arbeitszeit gar nicht auf LinkedIn abhängen sollten und deswegen schnell sein müssen, bevor der Chef kommt?

Was auch immer es antreibt, die Schnelligkeit bringt uns eher dazu, unsere Kommentare unbedacht zu droppen und sie im Nachgang mehr zu bereuen.

Es fehlen Stimme und Mimik

Unser Maskottchen schaut auf sein Handy. Da steht die Nachricht: Ich will die nie mehr sehen. Es fehlt aber Gestik und Mimik. Darum fragt sich das Maskottchen, was die andere Person damit meint.

Digital fehlen uns einfach die Signale, die in einem persönlichen Gespräch eine nicht so gelungene Wortwahl verzeihen. Wir vermissen Tonlage, Gesichtsausdruck und Körpersprache, die die Worte begleiten.

Ohne diese visuellen und auditiven Hinweise hat unsere Fantasy viel mehr die Möglichkeit sich auszutoben und unsere eigenen Vorstellungen in das geschriebene Wort zu interpretieren. Darum ist auch das Schlimmste was man so machen kann, über Text sensible Themen zu besprechen, wenn man ohnehin schon angefressen ist.

Besonders anfällig für Fehlinterpretation sind Ironie und Sarkasmus, die zu 90% vom Ton leben, und zu 90% in Textform missverstanden werden.

Polarisierende Wortwahl

Beispiel poralisierender Worte und was man stattdessen sagen soll: Fleischesser statt Tiermörder. Linke Wähler statt Putin-Anhänger.

Worte wirken und polarisierende Worte polarisieren digital noch stärker.

Menschen, die Fleischessen als »Tiermörder« zu bezeichnen oder Wähler der Linken als »Putin-Anhänger«, machen die Sache so schon nicht leicht. Digital sorgt das aber für noch mehr Zündstoff.

Persönlich würden die meisten Leute so etwas wahrscheinlich auch kaum sagen, digital neigen wir eher dazu.

Wir glauben, recht zu haben

Ein generelles Problem, das unsere menschliche Kommunikation schwierig macht: Wir glauben, wir kennen die Wahrheit und haben recht. Wer anders denkt ist eben dumm oder verblendet.

In den meisten unserer persönlichen Gespräche geht es uns leider schon selten darum, die Ansicht der anderen Person wirklich zu verstehen. Wir neigen dazu, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und unsere Meinung zu verbreiten, anstatt die Meinung der anderen Person wirklich zu hören. Wir machen uns dabei schon kaum die Mühe bei Menschen, die uns wichtig sind. Die Meinung von Fremden auf Social Media ist uns noch wesentlich egaler.

Aber ganz still sein und unsere Meinung verschweigen, können wir trotzdem nicht! Das führt dann dazu, dass wir uns kommentarlang Argumente und »Fakten« um die Ohren werfen. Meistens endet das damit, dass die andere Seite eher noch mehr Argumente für ihre Seite findet, als deine zu akzeptieren.

Kommentare, die die Absicht haben, andere vom eigenen Weltbild zu überzeugen, führen automatisch zu mehr Verteidigung und Rechtfertigung. Mehr zum Thema: Glauben, recht zu haben.

Wir wollen andere kontrollieren

Ein Kreis der zeigt, dass du nur Kontrolle über dich selbst hast und die anderen außerhalb deiner Kontrolle liegen.

Auch das ist eine generelle menschliche Tendenz: Wir wollen unsere Umgebung kontrollieren. Kontrolle gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und als hätten wir alles im Griff. Darum wünschen wir uns auch oft, das Verhalten und die Gedanken von anderen zu kontrollieren. Wenn jemand etwas tut, was wir nicht wollen, ist das psychologisch eine Gefahr für uns. (Mehr dazu: Andere kontrollieren.)

Je extremer wir allerdings versuchen andere zu kontrollieren, desto gereizter reagieren sie darauf. Schließlich sind sie auch autonome Menschen, die nicht kontrolliert werden wollen – oder am liebsten uns kontrollieren würden! Wie du vielleicht siehst, wird das zu einem Teufelskreis.

Digital versuchen wir andere zu kontrollieren, indem wir ihnen zum Beispiel die Gefühle absprechen: „Es ist lächerlich, dass du Angst hast, nur weil …“, oder indem wir sagen, welche Ansichten überhaupt erlaubt sind auszusprechen: „Das ist doch gar kein großes Ding, über das man reden muss …“

Oft bemerkten wir es gar nicht selbst, wenn wir versuchen, zu kontrollieren.

Aussagen wie: „Mich interessieren eigentlich nur die Ansichten anderer Frauen“ sind ein Kontrollversuch, wer unserer Ansicht nach überhaupt mitreden darf.

Themen werden ausgedeht

Ein Kommentar startet mit Waldbränden und die Diskussion endet damit, dass die Wissenschaft eine Lüge ist.

Schlussendlich ist ein großes Problem digital, dass aus einem Thema schnell 100 Themen werden. Wir öffnen in einer Diskussion mehr und mehr Fässer, bis am Ende niemand mehr weiß, worüber wir eigentlich reden.

Das passiert natürlich auch im Privaten. Wir starten mit einem Streit über den Klodeckel und enden dabei, dass wir unsere Schwiegermutter hassen! Und auch da hast du vielleicht schon des Öfteren gemerkt, dass solche Streits nie einen positiven Ausgang haben.

Im digitalen Raum wird die Sache noch viel schwieriger. Hier nehmen oft mehr als zwei Personen an der Diskussion teil und es passiert noch leichter, dass jemand die Grenzen des Konflikts auf andere Themen ausweitet.

Wie können wir unsere digitalen Diskussionen verbessern?

Jetzt haben wir ein gutes Bild davon, warum wir digital dazu neigen in Streit und Diskussionen zu verfallen, die uns eher spalten, als zusammenbringen. Aber was können wir tun, um das Ganze zu verbessern?

Bei sich selbst anfangen

Wie immer ist es das Beste, erst mal bei sich selbst anzufangen und die eigenen Ansichten zu reflektieren, die uns dazu bringen, uns so zu verhalten.

Hier kommen ein paar Gedankenkonzepte, die dir in Zukunft helfen können…

  • … digitale Konflikte ganz zu vermeiden.
  • … sie in eine positivere Richtung zu lenken.
  • … oder dich persönlich davon besser zu distanzieren.

1. Offenheit für andere Weltansichten

Ich weiß, es nervt, dass es andere Menschen gibt, die andere Meinungen haben! Aber es ist nun mal leider so. Und wenn wir ganz ehrlich sind, ist es auch gut so.

Wir alle sehen die Welt ein wenig unterschiedlich. Wir haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, andere Eindrücke gesammelt, wurden anders erzogen und so weiter.

Außerdem funktionieren unsere Gehirne auch alle ein wenig anders. Jeder von uns hat seine Stärken und Schwächen. Manche haben einen Blick für Details, andere wiederum sehen das große Ganze besser.

Ein Gehirn. Darauf steht als Stärke: Gut im strategischen Denken. Als Schwäche: Nicht so kreativ.

Wir sind unterschiedlich und wir können von dieser Unterschiedlichkeit lernen. Ray Dalio behauptet in seinem Buch »Die Prinzipien des Erfolgs«, dass Offenheit für die Ansichten anderer einer der größten Faktoren für den Erfolg seiner Karriere waren.

Radical open-mindedness is motivated by the genuine worry that you might not be seeing your choices optimally. It is the ability to effectively explore different points of view and different possibilities without letting your ego or your blind spots get in your way. It requires you to replace your attachment to always being right with the joy of learning what’s true.

– Ray Dalio

Wir haben eine Neigung dazu, recht haben zu wollen und die Ansichten anderer als etwas Negatives zu sehen, anstatt als etwas, von dem wir lernen können.

Allerdings sehen wir selbst eben nur einen Teil der Wahrheit und der Realität. Nur wenn wir die Ansichten anderer zulassen und zu verstehen versuchen, können wir selbst ein besseres Bild der Realität bekommen und vielleicht wirklich herausfinden, was wahr ist und was nicht.

Zu akzeptieren, dass wir selbst nicht die Wahrheit kennen und auch wirklich in den seltensten Fällen einfach »recht haben«, ist der erste Schritt, um unsere (digitale) Kommunikation zu verbessern.

2. Verstehen, statt zu überzeugen

Was uns zum nächsten Punkt führt: den anderen erst mal verstehen, bevor man ihn mit seiner Meinung erdrücken will.

Wir wollen selbst ungern überzeugt werden, versuchen es aber immer wieder gern bei anderen – besonders, wenn uns seine oder ihre Meinung einfach gar nicht gefällt. Unsere erste Reaktion ist dann gleich das: »Aber …«, oder das liebevolle: »Was für eine dumme Meinung …«.

Bevor wir unsere eigene Meinung (meist ungefragt) einbringen, sollten wir erst mal sichergehen, dass wir die andere Person überhaupt verstehen:

  • Warum hat die Person überhaupt diese Meinung?
  • Was hat sie zu der Meinugn gerbacht?
  • Welche Emotionen, Erfahrungen und Ansichten stecken dahinter?
Fragen stellen ist besser als sprechen.

Wir gehen aus irgendeinem Grund davon aus, dass sich die Person ihre Meinung einfach von jetzt auf gleich überlegt und nicht viel Begründung dahintersteckt. Vielleicht tun wir das, weil wir uns dann besser einreden können, dass wir sie auch leichter davon abbringen können.

Allerdings hat es meist einen Grund, warum Leute denken wie sie denken. Ihre Meinung hat sich über Jahre gebildet und basiert auf echten Gefühlen und Erfahrungen.

Ihr die Meinung einfach abzusprechen oder sie zu ignorieren und sie mit unserer eigenen Meinung zu bekehren führt deshalb mehr zu Abwehr, als zu dem »Danke, du hast mich gerettet!«, das wir uns gern wünschen.

Eine Technik, um sich dieser ganzen Idee des Verstehens zu nähern, heißt Looping for Understanding. Mehr dazu hier: Looping for Understanding.

3. Einig sein, sich uneinig zu sein

Wir können es so gar nicht leiden, wenn wir aus einem Gespräch rausgehen und die andere Person immer noch so denkt, wie sie denkt. Das fühlt sich sehr unbefriedigend an!

Genau diese Einstellung bringt uns dazu noch mehr Recht haben zu wollen und dem Gegenüber unser Weltbild noch mehr aufzudrängen. Und das führt dazu, dass wir uns am Ende noch viel weniger einig sind, als zuvor.

Wir müssen (wieder) akzeptieren lernen, dass andere Menschen andere Meinungen haben und wir nichts dagegen machen können. Wir können uns darüber austauschen, wir können versuchen, sie zu verstehen und wenn wir Glück haben, wird vielleicht auch jemand seine Meinung zu einem Thema über die Dauer der Zeit ändern.

Wir werden es aber nie schaffen, dass alle Menschen so denken wie wir (und wie schon bei Punkt 1 gesagt, ist das auch etwas Gutes).

Solange wir innerlich nicht ganz damit zurechtkommen, dass andere Menschen eine andere Meinung haben und diese auch haben dürfen, werden wir daran festhalten, dass wir andere überzeugen wollen.

4. Sich selbst kontrollieren, anstatt die anderen

Als Letztes kommen wir noch zum Thema Kontrolle. Wie schon gesagt ist Kontrolle etwas, das wir gern haben wollen! Egal in welcher Beziehung wir uns befinden.

Andere zu kontrollieren, liegt aber außerhalb unserer Möglichkeit und je mehr wir es versuchen, desto defensiver wird die andere Person.

Anstatt andere zu kontrollieren, hat es sich als viel wirkungsvoller herausgestellt, das zu kontrollieren, was wir wirklich kontrollieren können:

  1. Uns selbst: Wenn du in einem Gespräch von deinen eigenen Gefühlen zu sehr eingenommen bist, kann es zum Beispiel hilfreich sein, dir eine aktive Pause zu nehmen und eventuell deine eigenen Gefühle erst mal zu reflektieren.
  2. Die Umstände: Ein sehr unterschätzter Punkt, über den wir viel Kontrolle haben, ist die Umgebung und der Zeitpunkt eines Gesprächs. Du musst auf einen Kommentar nicht sofort reagieren und kannst es auch später oder morgen tun!
  3. Die Grenzen des Gesprächs: Du kannst zum Beispiel zu Beginn des Gesprächs oder im Laufe des Gesprächs versuchen, die Grenze zu definieren und klarstellen, dass ihr ausschließlich über dieses Problem diskutiert.

Mehr dazu in der Technik: Selbst- und Situationskontrolle.

Drei Dinge, die du in einem Gespräch kontrollieren kannst: dich selbst, die Umstände, die Grenzen des Themas.

Taktiken für bessere Kommunikation in sozialen Medien

Jetzt haben wir unsere innere Mitte gefunden und können uns auf die eigentlich recht simplen Taktiken einlassen, die unsere Kommunikation digital massiv erbessern.

Es gibt zumindest 4 Dinge, die laut Studien dabei helfen, online besser miteinander zu kommunizieren.

1. Fast übertriebene Höflichkeit

Viele Studien haben gezeigt, dass die Anspannung in digitalen Diskussionen nicht eskaliert oder sogar nachlässt, wenn zumindest eine Person in der Diskussion konstant höflich ist.

In einer Studie zeigte sich, dass alleine das Nutzen von »Danke« oder »Bitte« die Spannung massiv reduzierte. (Identifying Constructive Conflict in Online Discussions through Controversial yet Toxicity Resilient Posts)

2. Vermeide Sarkasmus ganz

Sarkasmus kommt digital einfach nicht rüber. Unser Ton macht die sarkastische Musik. Das funktioniert online leider nicht so ganz. Wir hören vielleicht unseren sarkastischen Unterton in unseren Worten, unser Gegenüber tut das nicht.

3. Nutze viel positive Bestärkung

Weitere Verhaltensweisen, die die online Komunikaton dramatisch verbessern, sind:

  • Dankbarkeit: „Danke, dieser Kommentar hat mir einiges klar gemacht.“
  • Neugier: „Ich würde gern mehr über deine Gedanken hören.“
  • Grußformen: „Hey!“
  • Im Vornherein entschuldigen: „Ich hoffe, es ist ok, wenn ich …“
  • Oder unsere Meinung etwas abschwächen: „Ich glaube…“

4. Kritisiere nie jemanden in der Öffentlichkeit

Eine Person steht in der Mitte und viele FInger zeigenn auf sie.

Jemandem digital negatives Feedback zu geben, hat extreme Auswirkungen als in Person. Es bringt Leute dazu noch negativer zu reagieren und andere mehr zu kritisieren. Wenn wir andere in öffentlichen digitalen Räumen kritisieren, wird das schlechte Verhalten zu einer Norm.

Das Abwerten oder Demütigen anderer Personen ist laut der Autorin Amanda Ripley eines der schlimmsten Dinge, die wir in Konfliktsituationen machen können. Sobald wir eine andere Person abwerten und das auch noch öffentlich tun und sie damit sozial ächten, ist es fast unmöglich, aus diesem Konflikt wieder herauszukommen und ein wirkliches Gespräch miteinander zu führen. (Mehr dazu: Demütigung)

Quellen

Kommunikations-Experte Tobias lächelt in die Kamera

Über Tobias Roppelt

Hi, ich bin Tobias, Gründer der Gehirngerecht Digital. Ich hatte schon immer einen Antrieb dafür, mit meiner Arbeit etwas Sinnvolles. Angefangen mit digitaler Barrierefreiheit hin zu besserer zwischenmenschlicher Kommunikation. 

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