Worum geht's?
Street Epistemology ist ein Gesprächsansatz, bei dem man durch gezielte Fragen, logische Fehler oder falsche Schlussfolgerungen in Überzeugungen aufdeckt. Es ist eine leicht zugängliche Technik für jeden, der die eigenen oder fremden Überzeugungen authentisch und neugierig ergründen möchte.
Was bedeutet Street Epistemologie?
Epistemologie ist eigentlich die Erforschung des Wissens und geht auf Sokrates zurück. Die Epistemologie an sich will einfach die Qualität von Denkprozessen analysieren, mit denen jemand zu seinen Überzeugungen kommt.
Street Epistemology (SE) macht das Ganze alltagstauglich. Es es ist ein Werkzeug, um auch »auf der Straße« schwierige Themen zu besprechen, die dir und/oder deinen Mitmenschen am Herzen liegen.
Wofür braucht man Street Epistemologie?
In unseren Gesprächen fällt es heutzutage vielen Menschen immer schwerer, konstruktiv zu bleiben. Das Reden über Glaubenssätze und Überzeugungen fühlt sich oft eher an, wie das Durchqueren eines Minenfelds.
Es kommt uns vor, als würden wir ohnehin nichts erreichen und uns nach 10 Minuten Gespräch entweder streiten oder entscheiden, besser nie wieder über das Thema mit dem Gegenüber zu reden. Deswegen vermeiden wir diese Gespräche lieber gleich von Anfang an.
Dabei wird es immer wichtiger unsere Diskussionen wieder produktiver zu gestalten. Schwierige Themen direkt angehen zu können, fördert den offenen Dialog, der zu einer guten Gesellschaft beiträgt. Das kritische Hinterfragen von eigenen und anderen Überzeugungen kann Engstirnigkeit überwinden und konstruktiven Diskursen neues Leben einhauchen.
Die Herausforderung besteht darin, mit Kommunikationsschwierigkeiten umzugehen und gleichzeitig eine gute Beziehung aufrechtzuerhalten und die Tür für zukünftige Gespräche offen zu halten.
SE richtet sich an alle, die das wollen. Vor allem an die, die Wert darauf legen, andere zu verstehen und konstruktive Gespräche über Unterschiede zu führen.
Street Epistemology will wieder die Basis für echtes Verständnis und echte Verbindungen schaffen. Mit den Fähigkeiten, aktiv die Standpunkte anderer zu entdecken und zu verstehen, können wir gegenseitigen Respekt fördern und den Trend der zunehmenden Distanz zwischen den Menschen umkehren.
(PS: Tatsächlich ist es ein ähnlicher Ansatz wie Deep Canvassing. Der Unterschied ist, dass bei Deep Canvassing man selbt eher eine Überzeugung hat, über die man reden will und die Meinung des anderen auch etwas mehr beeinflussen möchte.)
So kann das Ganze in Aktion aussehen:
Das folgende YouTube-Video ist zwar professionell produziert und nicht direkt »auf der Straße«, aber das macht die Qualität der Fragen nicht weniger gut! Weiter unten findest du noch eine ganze Playlist mit vielen Beispielen.
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So funktioniert's!
1. Eine Beziehung aufbauen
Als ersten Schritt wollen wir erst mal Sympathie schaffen, also eine freundliche Atmosphäre oder positive Stimmung.
Eine gute Beziehung gibt dem Gegenüber (und dir) ein Gefühl emotionaler Sicherheit und erhöht die Chance, eine kritische Reflexion im Anderen zu erreichen.
Hier ein paar Dinge, die Einfluss darauf haben:
- Gesichtsausdruck
- Tonfall
- Körperhaltung
- Augenkontakt
- Aufmerksames zuzuhören
Der Aufbau einer guten Beziehung ist keine einmalige Sache. Du kannst während des gesamten Gesprächs jederzeit mehr Zeit darauf verwenden, wenn du das Gefühl hast, dass die Stimmung hitzig wird oder sich zu einer strittigen Debatte entwickelt.
2. Eine Behauptung/Überzeugung finden
Als Nächstes suchen wir eine »Behauptung/Überzeugung«, über die wir reden wollen. Eine Behauptung ist jede Aussage, die das Gegenüber für wahr hält.
Wir wollen das Gesprächsthema auf eine klar definierte Überzeugung eingrenzen. Das hilft, Verwirrung zu vermeiden und sich auf ein Thema zu konzentrieren.
Ein paar Beispiele für Überzeugungen:
- „Es gibt einen Gott.“
- „Die Erde ist flach.“
- „Die Todesstrafe ist gut/schlecht für jede Gesellschaft.“
- „Geister existieren“
- „Ausländer sind gut/schlecht für unser Land.“
3. Herausfinden, wie stark die Überzeugung ist
Als Nächstes wollen wir wissen, wie stark die Person von der Behauptung wirklich überzeugt ist.
Dazu lässt sich immer gut eine Skala verwenden. Eine Skala hilft deinem Gegenüber, seine Überzeugung nicht nur schwarz-weiß zu sehen, sondern differenziert zu betrachten. Und am Ende hilft eine Skala auch dir dabei herauszufinden, ob sich die Einstellung deines Gegenübers irgendwie verändert hat.
Beispiele für Fragen:
- „Auf einer Skala von 1 bis 7, wie sicher bist du dir, dass das stimmt?“
- „Auf einer Skala von 0 bis 100, wobei 0 für ‚alles Zweifel / keine Gewissheit‘ und 100 für ‚völlige Gewissheit / keine Zweifel‘ steht, wo würdest du dich auf dieser Skala einordnen?“
- „Bist du dir wirklich sicher, dass das stimmt oder nicht stimmt, oder vielleicht irgendwo dazwischen?“
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4. Die Beweggründe ermitteln
Wenn du eine Idee davon hast, wie überzeugt dein Gegenüber von der Richtigkeit seiner Behauptung ist, kannst du anfangen, seine Gründe dafür zu erkunden:
- „Was ist dein Hauptgrund dafür, dass du so überzeugt bist?“
- „Wenn du das in einem Kreisdiagramm darstellen würdest, welcher Grund würde den größten Teil einnehmen?“
- „Wenn du feststellen würdest, dass dieser Grund nicht mehr stimmt, würde das den Grad deiner Überzeugung ändern?“
Durch das Erkennen der Hauptgründe finden wir heraus, wie dein Gegenüber seine Gewissheit begründet.
5. Die Qualität der Argumentation bewerten
Wir kennen jetzt: die Überzeugung, den Grad der Überzeugung (Skala) und die Gründe für die Überzeugung.
Jetzt wollen wir die Qualität der Begründung konzentrieren. Das ist die eigentliche Aufgabe der „Epistemologie“.
Bei der Gesprächstechnik der Epistemologie geht es vorwiegend darum, die Qualität des Denkprozesses zu beurteilen, mit dem jemand zu seinen Schlussfolgerungen kommt.
Wieso?
- Die Art und Weise, wie jemand seine Argumentation überprüft, kann man auf alle möglichen Aussagen anwenden, nicht nur auf die, die gerade besprochen wird. Es geht also mehr um das Denken im Allgemeinen und nicht nur um eine bestimmte Aussage.
- Je besser deine Methoden sind, um zu Schlussfolgerungen zu kommen, desto besser näher kommen wir einer objektiven Warhheit
- Du kannst dich mit dem Fokus auf das »Wie« von möglicherweise provozierenden Überzeugungen distanzieren und stattdessen Meta-Fragen diskutieren, wie: „Wie sollte man generell über diese Dinge denken?“ Das kann emotionalen Druck und Abwehrverhalten reduzieren.
Wie du die Qualität der Epistemologie einer Person bewertest, kann unterschiedlich sein. Hier sind ein paar Beispiele, was du fragen könntest:
- Suche nach Alternativen: „Welche anderen Erklärungen fallen dir ein?“
- Prüfe die Relevanz: „Wie hängt dein Hauptgrund damit zusammen, dass die Behauptung stimmt?“
- Überprüfe die Stärke der Schlussfolgerung: „Inwieweit verlässt du dich einfach auf Gefühle bei der Beurteilung, ob die Aussage wahr ist?“
- Überprüfe die Richtigkeit der Prämissen: „Woher weißt du, dass das der Fall ist?“
- Hinterfrage die Überprüfbarkeit: „Ist die Behauptung überprüfbar? Wie würde ein Test aussehen?“
- Überprüfe die Falsifizierbarkeit: „Was müsstest du herausfinden, damit dein Vertrauen in die Überzeugung weniger werden würde?“
- Überprüfe die Konsistenz des Beweisstandards (Außenstehenden-Test): „Wenn eine andere Person dieselbe Methode auf dieselbe Weise anwendet und zu einem widersprüchlichen Ergebnis kommt, wie könnte man dann feststellen, wer recht hat?“
- Überprüfe die Bewertung der Wahrheit: „Ist es für dich überhaupt wichtig, ob diese Behauptung wahr ist oder nicht?“
- Überprüfe die begriffliche Klarheit von Wahrheit: „Wenn du von ‚deiner Wahrheit‘ sprichst, meinst du dann, dass es sich eher um eine Meinung als um eine Tatsache handelt?“
Es gibt natürlich noch viel mehr Dinge, die man fragen kann. Ein schönes Buch dafür ist „Die Magie der Sprache“ von Robert Dilts. Darin werden 14 Techniken vorgestellt, mit denen man Glaubenssätze hinterfragen kann.
6. Das Gespräch beenden
Zu wissen, wann und wie man ein Gespräch beendet, ist der letzte Schritt der Street Epistemology.
Hier sind ein paar gute Beispiele für passende Momente, um das Gespräch zu beenden:
- Wenn es Anzeichen dafür gibt, dass sich das Gespräch in irgendeiner Weise verschlechtert.
- Wenn das Umfeld für ein ruhiges und nachdenkliches Gespräch ungünstiger geworden ist.
- Wenn dir im Moment keine produktiven Wege einfallen, um weiterzumachen.
- Das Gespräch mehr Zeit oder Energie erfordert, als einer von euch aufbringen kann.
- Im besten Fall: Wenn es zu einem AHA-Moment gekommen ist
In jedem Fall solltest du kurz die interessantesten Punkte des Gesprächs zusammenfassen und vorschlagen, das Gespräch zu beenden. In manchen Fällen kann es auch sinnvoll sein, zu vereinbaren, das Gespräch später fortzusetzen.
Hier sind ein paar Beispiele:
- „Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du dir Zeit genommen hast. Danke für das Gespräch!“
- „Ich denke, das wäre ein guter Zeitpunkt, um die Diskussion über diese Behauptung vorerst zu beenden.“
- „Vielleicht können wir nächste Woche darauf zurückkommen?“
- „Wie fandest du dieses Gespräch?“
- „Mir fallen momentan keine weiteren Fragen ein, also vielen Dank für das Gespräch.“
- „Besonders interessant fand ich es, etwas über deinen Denkprozess hinter dieser Behauptung zu erfahren. Ich werde heute noch etwas darüber nachdenken.“
Ganz wichtig ist: Das Gespräch muss kein Ergebnis haben! Das Ziel ist es, der anderen Person dabei zu helfen, ihre eigenen Gedanken besser zu verstehen. Ob das zu etwas führt, spielt keine Rolle.
Dein persönlicher Erfolg sollte darin liegen, deine Fragetechniken zu verbessern, das Gespräch am Laufen halten und nicht zu versuchen, die andere Person von etwas zu überzeugen.
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Wenn es dir ganz wichtig ist, kannst du allerdings am Ende noch zumindest danach fragen, ob sich auf der festgelegten Skala etwas getan hat!
Beispiele
- Auf dem YouTube-Kanal des Street-Epistemology-Vereins gibt es ganz viele Videos darüber: YouTube Street Epistemology.
- Auf der offiziellen Street-Epistemology-Seit gibt es einen ganzen Kurs dazu: Street Epistemology Website.