Wie oft glaubst du, schon zu wissen, was die andere Person in einem Gespräch denkt, sagen will oder warum sie etwas getan hat?
Wir neigen dazu zu glauben, uns das Verhalten anderer einfach erklären zu können und zu wissen, welche Absichten dahinterstecken.
Besonders problematisch ist das in Diskussionen oder Streitgesprächen, da wir die Intentionen anderer schnell negativ beurteilen. Wir unterstellen unserem Gegenüber dann Absichten wie: „Sie wollte mich nur verletzen“ oder „Er will mich bloßstellen“.
Wenn wir diese negativen Interpretationen oft genug wiederholen, werden aus einem negativen Verhalten plötzlich vermeintliche Charaktereigenschaften: „Sie ist rücksichtslos“ oder „Er ist ein Kontrollfreak“.
Je öfter wir eine negative Absicht hineininterpretieren, desto schwerer wird es, die Person wieder neutral oder positiv zu sehen. Wir schaufeln der Beziehung damit Stück für Stück ein Grab.
Ironischerweise sehen wir unsere eigenen Absichten meist als positiv oder halb so wild: Wenn wir etwas vergessen, waren wir schlicht von etwas extrem Wichtigem abgelenkt. Wenn jemand anderes etwas vergisst, ist diese Person schlicht unzuverlässig.
Wenn wir darunter leiden, was jemand getan hat, unterstellen wir sofort böse Absichten oder einen schlechten Charakter. Haben wir hingegen selbst jemanden verletzt, finden wir sofort einen triftigen Grund, um unser Verhalten zu rechtfertigen.
Gehen wir bereits mit solchen Gedanken in ein Gespräch, wird es schwer, neutral zu bleiben. Wir glauben ja schon zu wissen, warum das Gegenüber so gehandelt hat. Ein echtes Verstehen wollen wir gar nicht mehr. Die negativen Gefühle gewinnen und wir wollen eigentlich nur noch, dass die andere Person zugibt, im Unrecht zu sein. Wir sprechen ihr damit ab, eine eigene Perspektive zu haben.
Vielleicht merkst du beim Lesen, dass das keine optimale Grundlage für ein Gespräch ist. Und vielleicht spürst du auch, wie unfair es sich anfühlt, wenn jemand so mit dir umgeht. Wenn wir glauben zu wissen, was die andere Person denkt, stellen wir uns über sie und behaupten, sie besser zu kennen als sie sich selbst.
Dass wir als Menschen eigene Vermutungen in das Verhalten anderer hineininterpretieren, lässt sich kaum verhindern. Aber wenn wir gut miteinander kommunizieren wollen, müssen wir uns dessen bewusst sein.
Wir können über diese Vermutungen offen sprechen und die andere Person bitten, ihre tatsächlichen Absichten zu erklären, anstatt unsere eigenen Unterstellungen für die Wahrheit zu halten.